Institute of Business Logistics and General Management

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Interview mit Prof. Blecker zum Thema Luftfrachtsicherheit wurde in der DVZ Deutsche Logistik-Zeitung veröffentlicht

Die Paketbomben in Luftfrachtsendungen haben die Diskussion über die Sicherheit in der Lieferkette neu entfacht. Politiker fordern schärfere Kontrollen, die Branche warnt vor Aktionismus. Die DVZ sprach darüber mit Prof. Thorsten Blecker und veröffentlichte das Interview in der DVZ Deutsche Logistik-Zeitung (siehe untenstehend oder im Anhang):

 

In Paketen auf dem Weg in die USA ist Sprengstoff gefunden worden. Dies wurde bei den Sicherheitschecks nicht erkannt. Reichen die Kontrollen im internationalen Flugverkehr nicht aus?
Die Anforderungen an die Sicherheitsmechanismen sind insgesamt sehr hoch. Die rechtlichen Rahmenbedingungen im Luftverkehr wurden aufgrund von Sicherheitsüberlegungen massiv verschärft. Zwar fokussieren viele der Anforderungen die Passagier-, Gepäck- und Flugzeugsicherheit, in den letzten Jahren wurden aber auch die rechtlichen Anforderungen im Bereich der Luftfracht verstärkt. Bereits mit der mehrfach geänderten Verordnung (EG) 2320/2002 wurden Anforderungen an die Sicherheit in der Zivilluftfahrt normiert und Vorschriften für Sicherheitskontrollen von Luftfracht sowie Zugangskontrollen für sensible Bereiche formuliert. Andere Verordnungen sehen verpflichtend Sicherheitskontrollen von Luftfracht sowie die Einführung der Status „reglementierter Beauftragter“, „bekannter Versender“ sowie geschäftlicher Versender“ für die in der Luftfrachttransportkette involvierten Akteure vor.

 

Trotzdem wurden Paketbomben entdeckt.
Eine hundertprozentige Sicherheit ist niemals zu erzielen, selbst wenn alle gesetzlichen Anforderungen vollständig korrekt erfüllt würden.

 

Woran liegt es, dass der Sprengstoff nicht vor der Verladung aufgespürt wurde, an unzureichenden Sicherheitsvorschriften oder ungeeigneter Technik, mit der Pakete untersucht werden?
Gemäß den Verordnungen der EU darf Luftfracht grundsätzlich nur dann befördert werden, wenn entsprechende Sicherheitskontrollen und –maßnahmen vorgenommen wurden, dies gilt auch für Post. Die Sicherheitskontrolle kann dabei entweder manuell, mit Hilfe von technischen Systemen wie  Röntgengeräten und Druckkammern oder Spürhunden und Spurendetektoren geschehen. Allerdings dominierte in der Auseinandersetzung um die Sicherheit im Luftverkehr der Transport von Passagieren. Dass ein erheblicher Teil des Gütertransports über den Luftverkehr abgewickelt wird, wurde vernachlässigt.

 

Was heißt das?
Die Aufmerksamkeit war nicht immer auf diesen Bereich gelenkt. In Ländern wie dem Jemen kann das absolute Schutzniveau zudem auf einem geringeren Niveau liegen als hier üblich. Zudem ist nicht zu vergessen, dass die Sprengstoff e offensichtlich sehr gut getarnt waren.

 

Der Ansatz der Europäischen Union für eine sichere Lieferkette beginnt beim Verlader und hat den Spediteur als Gewährträger, der die Sendung an die Airline übergibt. Dies gilt aber nicht für die Integrators wie DHL, UPS und FedEx, die viel für Privatkunden tätig sind. Besteht hier eine Sicherheitslücke?
Laut Verordnung (EG) Nr. 300/2008 dürfen Luftfahrtunternehmen nur dann Frachtstücke zur Beförderung in einem Luftfahrzeug entgegennehmen, wenn es selbst die entsprechenden Sicherheitskontrollen vorgenommen hat oder dies von einem reglementierten Beauftragten, einem bekannten Versender oder einem geschäftlichen Versender bestätigt und quittiert wurde. Den Status eines reglementierten Beauftragten können nicht nur Spediteure, sondern auch Integrator erhalten, demnach werden keine Unterschiede zwischen Spediteuren und Integrator gemacht. Da die Spediteure teilweise nicht über eigene Röntgengeräte verfügen, stammt der Großteil der Sendungen von bekannten Versendern. Die Integrator verfügen oftmals über die notwendigen Röntgengeräte und erledigen die Sicherheitskontrollen der zu versendenden Luftfracht selbst. Eine umfassende Sicherheitslücke ist nicht zu erkennen und eine Optimierung in Einzelfällen ausreichend.

 

Mit welchen rechtlichen Änderungen ist nun im Luftfrachtverkehr zu rechnen?
Es bestehen auf europäischer Ebene sowie auf internationaler Ebene bereits umfangreiche Rahmenbedingungen für die Luftfahrt, deren konkrete Umsetzung jedoch sehr unterschiedlich ausfallen kann. Eine Harmonisierung wäre sehr wünschenswert. Konkrete, insbesondere mittelfristige Änderungen internationaler Bestimmungen sind nur schwer vorhersehbar, auch wenn nun politische Rufe nach schärferen Sicherheitsbestimmungen laut werden. Zu hoffen ist, dass die aus dem Jemen versandten Pakete genauso wie die aktuell aus Griechenland europaweit versandten Paketbomben nicht zu einem unverhältnismäßigen Aktionismus führen.

 

Was halten Sie von dem Vorschlag, die Luftfrachtüberprüfung zur Aufgabe der Bundespolizei zu machen?
Änderungen in den Regelungen der Luftfrachtsicherheit sollten vor deren Einführung gut durchdacht und gegebenenfalls gemeinsam mit den Unternehmen entwickelt werden. Ziel muss es sein, eine möglichst hohe Sicherheit zu gewährleisten ohne die Transportprozesse zu sehr zu stören und ohne die Kosten massiv zu erhöhen.

 

Wie lassen sich Kontrollen in den Ursprungsländern der Fracht verbessern?
Die Ausgestaltung der Kontrollen im Versendungsland ist häufig auf nationaler Ebene geregelt, daher ergeben sich unterschiedliche Regelungen für die Durchführung. Eine Möglichkeit wäre eine einheitliche Ausgestaltung der Durchführung auf internationaler Ebene, wobei nicht zu vergessen ist, dass nicht überall Prozesse und Technologien auf dem gleichen Niveau sind und die Mitarbeiter die gleich hohe Qualifikation haben.

 

Herr Professor Blecker, vielen Dank für das Gespräch.

DVZ 4.11.2010
Das Gespräch führte Robert Kümmerlen.

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